MUSEUMSPROGRAMME - PRESSE

Zille gehört, Zille erlebt

Mit Evelin Förster wird das alte Milieu wieder lebendig

 

Schwenningen. Wir lachen, auch wenn es traurig ist! Evelin Förster hat sich die Berliner Lebensart verinnerlicht. Von der ersten Note an sind die Zuhörer mittendrin in Zilles Welt der Kneipen, Hinterhöfe, der Kabaretts und der Mietskasernen. Die Sängerin singt nicht nur und spult ein Unterhaltungsprogramm ab - sie erzählt Anekdoten und Witze. Mit den Zitaten wird die Vergangenheit sofort präsent. Evelin Förster lebt den Zille und seine Figuren auf der Bühne.

 

Dazu braucht sie keinen großen Requisitenschrank und kein Ensemble. Die Garderobe ist schlicht: weiße Bluse, Krawatte, weite Hose. Die Musik besorgt Matthias Binner am Flügel. Und ansonsten ist das den ganzen Abend nur Evelin Förster - nur sie allein und ihre Stimme. Die ist enorm wandlungsstark und kann alles: Im Nu von der kessen Göre zum preußischen Polizeipräsidenten.

 

Das Programm ist ein ausgedehnter Spaziergang durch Milieu mit allen Höhen und Tiefen und anders herum. Von der feuchten Kellerwohnung ins schummrige Kabarett. Die ganz armen Leute mit Kohldampf im Ranzen und der vergnügungssüchtige Nuttenkönig mit Schampus im Hirn. Zille kannte sie alle und sie ihn. Evelin Förster singt darüber und singt was die Kneipengänger einst gesungen haben: "Immer an der Wand lang, immer an der Wand lang."

 

Bei diesem unvergessenen Klassiker von Walter Kollo summt das Publikum sogar mit und Evelin Förster gibt die Geschichte zum besten, dass Kollo dieses Lied eines Nachts einem unbekannten Kneipengast für drei Mark abgekauft hat. Eine Investition, die sich lohnen sollte.

 

Mit Evelin Förster erleben die Zuhörer das ganze Berliner Leben. Sie erzählt, nein, sie spielt mit Mimik und Gesten Szenen aus dem Milieu. Alles ist so echt. Man kann sich lebhaft den verknochten Polizeipräsidenten vorstellen, der die Schiebertänze verbietet. Begründung: Es könnte sein, dass die blanke Haut am Oberschenkel sichtbar wird. Das geht nicht! Die Moral ist in Gefahr.

 

Oder die Gören, die hinterm Spritzwagen der Straßenreinigung herlaufen, weil sie sich so das Geld fürs Schwimmbad sparen. Geht's dann doch mal raus nach Wannsee, ereignen sich allerhand menschliche und zwischenmenschliche Szenen. Immer für einen Spaß gut. Aber auch für Trauriges. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Über die Nutte mit dem Holzbein etwa. Die kann dort an einem Nagel zwar ihren Hausschlüssel aufhängen, muss aber ihre Freier im Dunkeln bedienen. Wer will schon mit einem Holzbein? Echt derb!

 

Aber so war's in Berlin. Die gute alte Zeit war eben nur für wenige gut und die Goldenen 20er-Jahre glänzten nicht für alle. Evelin Förster hat auf ihrem Spaziergang den kleinen Leuten ein musikalisches Denkmal gesetzt. So wie es Zille mit seinen Bildern gemacht hat. Viel Applaus gab's dafür. Die Sängerin und ihr Pianist bedankten sich mit zwei Zugaben.

 

Südwest Presse (Berthold Merkle)

 

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